Dienstag, 12. April 2016

Review: Coronatus - Raben im Herz

„Nimm dir Freiraum!“

…ist eine Textzeile, die zum Leitzsatz werden sollte für einen Großteil der Hörer des neuen Albums „Raben im Herz“ von Coronatus, da die Band auch mit diesem Album ein polarisierendes Werk abliefert, das weniger für den Hintergrund als vielmehr fürs bewusste (Heran)Hören geeignet ist.

Dabei wird der Einstieg durch den Opener „Lady of the Wall“ erleichtert, bei dem es sich möglicherweise um den stärksten Song, den die Band je zu bieten hatte, handelt. Der Megaknaller vereint Bombast, Dramatik und Emotionalität zu einer Nummer der Kategorie Gänsehaut, die mit dem ersten "the Lady of the Wall" beginnt und den Hörer nicht mehr loslässt.

Knapp darunter folgen weitere starke Songs wie die titelgebende Nummer „Raben im Herz“, die als Hommage an die Schwarze Szene vor allem durch ihr Timing und die Eingängigkeit mit Ohrwurmpotential überzeugt. „Seelenfeuer“ wiederum ist für mich eine bunte Mischung aus Epica-Chor, Molllust-Gesangsteil und Nightwish-Orchester, die sich am Ende doch ganz zu einem mitreißenden Coronatus-Song entwickelt, dessen erster Refrain und Gitarrensolo besonders glänzen. Was bei „Anderswelt“ die abwechslungsreichen Gesangsarten, die melodiöse Fidel und Trommeln und die Mythologie sind, sind bei „Cànan Nan Gàidheal“ der überzeugend dargebrachte gälische Text, die mitreißende Melodie und der gefühlvolle Gesang beider Frauen - beide Nummern muten zudem folkig an. Der darauf folgende letzte Song „Frozen Swan“ sorgt als sich steigernde Ballade für einen gelungenen Abschluss.

Bezogen auf diese sechs Tracks handelt es sich um ein sehr gutes Album. Der positive Gesamteindruck wird aber teilweise gemindert. Die drei übrigen Nummern setzten sich aus einmal "Mittelmaß" und zweimal "Grenswert nach unten fast erreicht" zusammen. Das liegt zum einen an den eher mittelmäßigen bis primitiven (im Sinne von kindlich) Texten der letzteren, als auch an einigen Gesangspassagen. Sowohl Anny Maleyes als auch Carmen R. Lorch liefern über weite Strecken des Albums ab und harmonieren sehr gut miteinander. Was aber bei dem Opener zur Perfektion gebracht wurde, konnte an anderen Stellen nicht gehalten werden. Während Maleyes „Raben im Herz“ von vorne bis hinten vielseitig rockt, hat Lorch schwache Momente, die dem Album schaden und die Nerven des Hörers erheblich belasten können. Es ist eine generelle Tendenz des klassischen Female Fronted Metal, der die Damen in immer fernere Höhen streben lässt, die oftmals um ihrer selbst willen  eingebaut und nicht vorteilhaft sind. Das betrifft bei weitem nicht alle Parts und die Sängerin kann an vielen anderen Stellen eben doch überzeugen und ist besonders als zweite Stimme ein nicht wegdenkbares Element des Albums.
Das stammt wie gewohnt aus der Feder von Drummer Mats Kurth, dem es gelungen ist, die Band nach einem schwächeren Vorgänger in grünere Gefilde zurück zu katapultieren. Unterstützt wurde er dabei von Gitarrist Oliver Dederfing, der seine Hände nicht nur an den Saiten, sondern auch an der Produktion zweier Songs hatte. Hinzu kommt ein schön gestaltetes Cover und Booklet, das sympathischerweise auch die Live-Musiker mit einbezieht.
 
Bei "Raben im Herz" handelt es sich also um ein starkes Gothic-Album mit Abstrichen, das seine volle Wirkung erst nach mehrmaligem Hören entfaltet. Diese Chance hat das Album aber definitiv verdient. Musikalisch symphonisch, folkig, bombastisch, emotional und variantenreich, textlich zwischen Fantasy, Gothic und Selbstfindung – und das auf gleich vier Sprachen. Insgesamt eine runde Sache mit interessanten Ecken und Kanten!

Tracklist:
1. Lady of the Wall
2. König der Nebel
3. Raben im Herz
4. Carpe Noctem
5. Hoffnung stirbt niemals
6. Seelenfeuer
7. Anderswelt
8. Cànan nan Gàidheal
9. Frozen Swan

Bonus CD (jeweils als Orchester-Version):
1. Raben im Herz
2. Lady of the Wall
3. König der Nebel
4. Carpe Noctem
5. Hoffnung stirbt niemals

Anspieltipps: 1, 3, 6, 8

Bewertung: 11/15 Gut!
 
 
 

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