Sonntag, 11. Mai 2014

Bericht + Beurteilung zum Eurovision Song Contest 2014

„Wenn Europas Toleranz und Musikliebe sich im Barte einer Dragqueen spiegeln.“

Veranstaltungsgebäude
(Photo: Albin Olsson, License: CC-BY-SA-3.0)
Gestern fand der 59. Eurovision Song Contest in Kopenhagen statt, nachdem Emmelie de Forest ihn im Vorjahr mit „Only Teardrops“ nach Dänemark geholt hatte. Von 37 Ländern hatten es durch die zwei Vorausscheide 26 Länder ins große Finale geschafft, das in 45 Ländern ausgestrahlt wurde und über 180.000.000 Menschen vor die Bildschirme und 11.000 in die Halle lockte. Die drei Moderatoren, die durch den Abend führten, waren eine Moderatorin, ein Pianist/Fernsehjournalist und ein Schauspieler, die im Laufe der Veranstaltung vor allem Humor bewiesen, teilweise vielleicht ein bisschen zu viel Bezug auf China nahmen. Für die deutschen Zuschauer wurde der Abend wie bereits in den Jahren zuvor vom sympathischen Peter Urban kommentiert.

Das Besondere an diesem Jahr war die Tatsache, dass es nicht wie in den Jahren zuvor einen klaren Favoriten gab, es gab vielmehr einen Pool an möglichen Siegern, wobei der weitestgehend offen war, was den Abend zu einer spannenden Veranstaltung machte. Dazu sollte auch die musikalische Bandbreite beitragen, die größer war denn je.

Zu Beginn des Abends wurden die Länderflaggen von Motorradfahrern in die Halle gebracht, wo sie damit durcheinander liefen. Zu einem gewaltigen Lichtspektakel mit Feuerwerk und Flammen erklang das Lied „Woo Hoo“ von The 5.6.7.8.‘s, eine weitere Anspielung auf die asiatischen Zuschauer, diesmal Richtung Japan.

Die drei Moderatoren (Photo: Albin Olsson, License: CC-BY-SA-3.0)
Zunächst liefen dann alle Teilnehmer einzeln mit Landesnamen aufgerufen in die Halle ein, ihre jeweilige Landesflagge im Hintergrund. Diese Szene hat mein Herz durch den enthaltenen Pathos ehrlicherweise ein wenig zum Klopfen gebracht.

Und dann ging es auch schon los, wobei alle 26 Auftritte nach demselben Muster abliefen:

Zuerst ein Video des jeweiligen Künstlers, in dem er irgendwie seine Landesflagge erzeugt und anschließend fotografiert, das Ganze vom Kommentator mit Hintergrundinformationen zum kommenden Auftritt versehen. Der fiel dann in den meisten Fällen sehr pompös aus, mit großen Screenings und touchempfindlichem Boden, Lichteffekten und weiteren Show-Elementen. Die Auftritte folgten ohne Pause aufeinander, nur nach Deutschland gab es einen kleinen Cut mit einem kleinen Zwischenspiel, sowie vor der Ergebnisverkündung. An dieser Stelle gab es reichlich Albereien, Lieblingsgerichte samt eingeflogenem Koch für wenige Teilnehmer und selbstverständlich den obligatorischen Auftritt des Vorjahressiegers.

Für mich persönlich bot der Eurovision Song Contest 2014 vor allem eines: eine besonders große Zahl von schlechten Auftritten. So groß die musikalische Bandbreite auch gewesen sein mag, wenn etwa zwei Drittel einfach nur schlecht sind, dann bringt das niemandem etwas. Schlechte Songs und Gesangsdarbietungen wurden vor allem versucht durch Performances wie akrobatische Einlagen, sportlichen Darbietungen verschiedener Art und Fanservice auszugleichen. Darüber geht für mich ein wenig die ursprüngliche Bedeutung des ESC verloren. Es wird nicht der beste Künstler (fälschlicherweise auf mehreren Online-Portalen zu lesen), sondern der beste Song gesucht! Dies spiegelt sich noch annähernd in der Bildunterschrift bei jedem Auftritt (Songtitel, Interpret und in klein darunter der/die Songschreiber/-komponist/en). Prinzipiell habe ich nichts gegen gute Bühnenshows und Choreografien, wenn der Gesang und die Musik trotzdem stimmen. Ein positives Beispiel und ein verdienter Sieg wäre für mich zum Beispiel Loreen mit „Euphoria“, da stimmte einfach alles. In der Vergangenheit wurden aber ansonsten sehr häufig Länder nach oben gewählt, deren Spitzenpositionen ich nicht nachvollziehen konnte. Das hingegen was dieses Jahr anders!

Meine persönlichen Favoriten waren Armenien (geniale Stimme und Steigerung, die mich ein wenig an Peter Gabriel erinnerte), Österreich (tolle Gesangsdarbietung und auch optisch bis auf ein Kleinod ansprechend), Deutschland (unerwarteter Weise souveräne Nummer mit toller Sängerin mit rauer Stimme), Spanien (schöne Stimme, emotionale Gänsehautnummer und passende Regeneffekte), schließlich die Niederlande und Malta (beides eher ruhigere Nummern mit schönen zweistimmigen Parts). Danach Finnland (sympathische Jungs und Song mit Ohrwurmcharakter) vielleicht sogar Russland (optisch interessant und  gute Stimmen) und zu guter Letzt Norwegen (toller, emotionaler Text, der gefühlvoll vorgetragen wurde). Alles Weitere changierte für mich zwischen ganz gut, Mittelmaß und schlecht.

Die Abstimmungsregeln (50% Zuschauer, 50% Jury pro Land) hatte dann nach teilweise den bekannten Punkteschiebungen und teilweise aufrichtigen Wertungen folgendes Endergebnis zur Folge:

1.      Österreich
2.      Niederlande
3.      Schweden
4.      Armenien
5.      Ungarn
6.      Ukraine
7.      Russland
8.      Norwegen
9.      Dänemark
10.  Spanien
11.  Finnland
12.  Rumänien
13.  Schweiz
14.  Polen
15.  Island
16.  Weißrussland
17.  Vereinigtes Königreich
18.  Deutschland
19.  Montenegro
20.  Griechenland
21.  Italien
22.  Aserbaidschan
23.  Malta
24.  San Marino
25.  Slowenien
26.  Frankreich

Die Abstimmung brachte für mich vier interessante Ereignisse/Erkenntnisse mit sich:

Erstens: Es regnete Buhrufe für Russland, als die Vertreterin die Punkte verkünden wollte. Ich zumindest habe so etwas bei keinem ESC jemals erlebt und es ruft natürlich die Frage auf, inwieweit Politik bei einem solchen Musikwettbewerb eine Rolle spielen darf/sollte/muss. Wenn Weißrussland Russland wie fast jedes Jahr die 12 Punkte gibt, ist das natürlich eine ganz andere Berechtigung, die da für Protestrufe herrscht.

Zweitens: Die französischen Landesvertreter haben scheinbar noch immer nicht gelernt, Englisch zu sprechen. Der ESC stammt aus Frankreich und das wird auch niemand vergessen, aber es zeugt schon von gewisser Arroganz, wenn die Punkteverkünderin in schnellem Französisch auf die Gastgeber einredet und Verständnis einfach voraussetzt.

Drittens: Es ist keine wirklich neue Erkenntnis, aber Deutschland scheint in Europa nicht besonders beliebt zu sein. Denn sprach auch der Urban von einer seiner Meinung nach sehr großen Konkurrenz, so muss man doch feststellen, dass der deutsche Auftritt gesanglich zu den stärkeren Nummern gehörte und dass die konsequente Ignoranz der drei Frauen nicht ganz nachzuvollziehen ist.

Viertens: Europa ist toleranter, als ich zunächst angenommen hatte. Gerade in den Ostblockländern und im katholischen Irland hatte ich mit wenig bis keinen Punkten für Conchita Wurst gerechnet, die mit ihrem Erscheinungsbild bereits im Vorfeld für Proteste und Polarisation gesorgt hatte. Obwohl ich selbst nicht gerade überzeugt von ihrem Bart bin, halte ich ihren Sieg für absolut verdient, denn ihr Auftritt war eine gesangliche Glanzleistung und der Song ebenfalls sehr ansprechend. Auf jeden Fall gehörte sie sofort zu meinen Favoriten. Sie hat sich zudem als sehr sympathisch herausgestellt als sie emotional auf die zahlreichen Punkte aus den meisten Ländern und den Solidaritäts-Bart der österreichischen Moderatorin reagierte. Ihre Siegesworte waren dann auch sehr schön, bezog sie sich doch auf Frieden, Freiheit und Einheit, was absolut aufrichtig wirkte und mit pathetischer Hebegeste besonders gut rüberkam. Es folgte der passende Siegersong im Bond-Style „Rise Like A Phoenix“.

Conchita nach dem Finale (Photo: Albin Olsson, License: CC-BY-SA-3.0)
Alles in allem betrachte ich den Eurovision Song Contest 2014 mit gemischten Gefühlen. Er war ärgerlich, da nach wie vor die Ländersympathie das Votingergebnis beeinflusst, aber auch schön, weil die oberen Ränge größtenteils „richtig“ besetzt waren, auf jeden Fall der richtige Song gewonnen hat und so die Musik am Ende doch einen kleinen Triumph feiern konnte.


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