Samstag, 10. Mai 2014

Gedanken zu einer Fragestellung an Fouqués "Undine"


Im Seminar „Schwarze Romantik“, das ich besuche, wurde uns Studenten vor kurzem folgende Frage zu Friedrich de la Motte Fouqués „Undine“ vom Dozenten mit auf den Weg gegeben: Wie schafft es die Logik der Erzählung, den Regelverstoß [Huldbrand darf Undine nicht auf dem Wasser schelten] plausibel zu machen?

In der nächsten Sitzung wurde diese Frage dann thematisiert und die unterschiedlichsten Lösungsansätze vorgeschlagen. Besonders Kühleborn rückte dabei ins Zentrum der Diskussion. Ich war ein wenig überrascht, da sich diese Erklärungsversuche so grundlegend von meiner eigenen Antwort auf die Frage unterschieden. Die lautete wie folgt:

Gar nicht!:D

Um diese Antwort zu erklären, hatte ich einige Fakten gesammelt, die ich hier kurz aufführen möchte.

Zunächst einmal muss man sich klar machen, dass es unnötig ist, sich mit den seltsamen Auslassungen Fouques, was Huldbrands Gefühle fort von Undine hin zu Bertalda betrifft, zu beschäftigen. Denn selbst wenn man davon ausgeht, dass diese Hin- und Fortwendung absolut plausibel zu erklären wäre es im Hinblick auf die dennoch nach wie vor bestehenden Fakten keine Rolle spielt, den Grund hierfür liefert der Text selbst.

Ein wichtiger Fakt ist, dass Undine, obwohl Huldbrand sie betrogen hat und ihrer Konkurrentin nachjagte(!), sie selbiger und ihm das LEBEN GERETTET hat. Alleine das sollte unter den gegebenen Umständen selbst beim schrecklichsten ignorantesten Menschen eine gewisse Dankbarkeit hervorrufen. Nicht nur die Rettung an sich, sondern auch die Umstände, die dazu führten. Diese Sichtweise wird auch vom auktorialen Erzähler in keiner Weise bestritten, tatsächlich wird Undine aus den Augen ihres Mannes eine „himmlische Güte“ (S. 98) attestiert, zudem wird beschrieben, dass Huldbrands „Liebe und Achtung“ neu für sie erwacht (S. 98). Hinzu kommen „Friede und Freude“, die auf der Burg allseits herrschen (S. 98). An dieser Stelle kann man also mindestens von einer Zuneigung Huldbrands gegenüber Undine sprechen.

Zu Beginn des entscheidenden Kapitels 15 beschließt dann Undine die Reise, um Bertalda eine Freude zu machen. Die Reisegemeinschaft tritt die Reise anschließend mit „frischem Muth“ und „heitersten Hoffnungen“ an (S. 99). Der Erzähler lässt dann folgenden Satz fallen: „Wundert Euch aber nur nicht, Ihr Menschen, wenn es dann immer ganz anders kommt, als man gemeint hat.“ (S. 100) Damit rechtfertigt er, wie bereits mehrmals zuvor, eine erzählerische Lücke. Statt zu schreiben, was wichtig wäre, um den Fortgang der Erzählung zu verstehen, beschreibt er Nichtigkeiten und lässt das Wesentliche aus. An dieser Stelle liegt es für mich einfach zu Nahe, dieses Verhalten auf die Unfähigkeit des Autors zurückzuführen, die folgende Handlung zu erklären, bzw. plausibel herbeizuführen. Denn die entbehrt bei Fouqué jedweder Logik.

Auf der Donau schützt Undine die gesamte Gesellschaft vor Kühleborn und seinen Schergen. Als für Huldbrand, geschürt durch die Bedrohung und das Misstrauen seiner Diener, langsam eine Art Stress aufkommt, behauptet er sich selbst gegenüber in Gedanken, dass er vor der Hochzeit nichts von Undines wahrer Natur gewusst habe (S. 100/101) und rechtfertigt sich so. Der Gute scheint mit einem schwachen oder selbstgerechten Gedächtnis ausgestattet zu sein, denn Undine hat ihn zwar nicht vor der Hochzeit, aber durchaus vor ihrer Hochzeitsnacht über ihre Herkunft aufgeklärt und ihm die Möglichkeit gegeben, sie zu verstoßen. Das tat er nicht, stattdessen genoss er alle sexuelle Erfüllung mit ihr – wieder und wieder. Mit anderen Worten: er allein ist schuld an der aktuellen Situation, wenn man überhaupt einen Schuldigen brauchen sollte.

Huldbrand hatte dann nur eine einzige Aufgabe, auf die er in der Vergangenheit und auch auf dem Boot wiederholt von Undine aufmerksam gemacht wurde: ihr nicht auf dem Wasser zu zürnen. Er hat also die sexuelle Erfüllung erst genossen und kann sich dann nicht an diese winzige Regel halten? Und wie kam es zu diesem Regelverstoß?

Bertalda spielt gedankenverloren mit ihrer wertvollen Kette über dem Wasser, vor dem sie eigentlich Angst hat (S. 102). Gehen wir mal davon aus, dass sie doof wie Brot wäre, selbst dann wäre diese Handlung absolut unrealistisch inszeniert. Bertalda ist an dem Verlust ihrer Kette selbst schuld, Huldbrand ist somit grundlos und übertrieben zornig, beide verhalten sich wie kleine Kinder. Undine bittet ihn noch einmal, sie nicht bloß zu stellen und er tut es vorerst nicht, wenn auch aus unerklärten Gründen mühsam. Die Handlung, die ihn dann doch noch zum fatalen Regelverstoß bewegt, ist noch unverständlicher.

Undine schenkt ihrer Konkurrentin, die ihr ihren Ehemann wegnimmt, ein „wunderschönes“, „herrlich blitzend[es]“  „Korallenhalsband“, das sie ihr auch noch freundlich und mit den Worten „Nimm hin, das hab´ ich Dir zum Ersatz bringen lassen, und sei nicht weiter betrübt, Du armes Kind.“ reicht (S. 103) und Huldbrand vergisst darüber (worüber?!) alles und geht „wuthentbrannt“ auf Undine los?! Auf seine Schmährede folgt die mitleiderrengende Beschreibung: „Starren aber thränenüberströmenden Blickes sah ihn die arme Undine an, noch immer die Hand ausgestreckt, mit welcher sie Bertalden ihr hübsches Geschenk so freundlich hatte hinreichen wollen.“ (S. 103/104), woraufhin sie ihren Abschied nimmt und Hulbrand „in heißen Thränen“ (S. 104) auf dem Bootsdeck endet?! – Armer Irrer!

Betrachtet man also das 15. Kapitel, sowie die Vorgeschichte, kann man den notwendigen Regelverstoß nicht logisch erklären. Ich bin normalerweise immer dafür, Handlungsentwicklungen über die Erzähllogik irgendwie zu erklären, aber manchmal, und so auch in diesem Fall, ist das einfach nicht möglich und man muss ein nicht erklärbares Ereignis möglicherweise auf ein Versäumnis des Autors zurückführen. Fouqué bedient sich eines alten, wunderschönen Stoffes, übernimmt viel von Paracelsus, Vulpius, Hensler und Goethe, seine Eigenleistung hingegen lässt zumindest im zweiten Teil der Erzählung stark zu wünschen übrig und wird dem Stoffkreis nicht gerecht.

 
Verwendete Ausgabe:

Fouqué, Friedrich de la Motte: Undine. [Originalausgabe 1811]. 2. Auflage. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1999.

Literaturempfehlung, für alle, die sich grundsätzlich für die Meerjungfrauen-Thematik interessieren:

Kraß, Andreas: Meerjungfrauen. Geschichten einer unmöglichen Liebe. Frankfurt am Main: Fischer 2010.

[Rezension folgt in Kürze]

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